.: Der Landgänger :.


PFAFF 1209, PFAFF 1212 oder welche 12xx sonst?

Kleine Entscheidungshilfe für den Kauf einer Nähmaschine der PFAFF 12xx-Modellreihe



Die Pfaff- Nähmaschinen der Baureihe 12xx werden schon lange (ca. 30 Jahre???) nicht mehr gebaut, erfreuen aber weiterhin ausgesprochener Beliebtheit - insbesondere bei Drachenbauern und MYOG-Aktiven der Outdoorszene. Sie sind daher gesucht.
Bei Ebay erzielen sie zuweilen Preise bis 350 €. Mit ein wenig Geduld und Geschick sind aber durchaus richtige Schnäppchen, sogar unter 100 € möglich.

Immer wieder gibt es Anfragen in den einschlägigen Foren bezüglich Entscheidungshilfen für Nähmaschinen. Aus eigener Erfahrung mit unterschiedlichsten Modellen verschiedener Hersteller hat sich für meine Zwecke (MYOG für Outdoor) im Laufe der Zeit eine eindeutige Präferenz herausgebildet: PFAFF! Aber eben nicht jede Pfaff, sonderen ganz bestimmte ältere Modelle, die trotz ihrer ausgezeichneten Näheigenschaften und der herausragenden Fertigungsqualität - oder vielleicht gerade deswegen? - leider schon lange nicht mehr gebaut werden. Ich meine die legendäre 12xx-Reihe.
Eigentlich war diese Baureihe ein großer Baukasten kompatibler Baugruppen, aus denen Pfaff die unterschiedlichen Typen der Baureihe (außer die 1229, die scheint eher ein Zwitter von 10xx- und 12xx-Reihe zu sein) fertigte.
Doch für welche sollte man sich entscheiden? Ich habe hier die m.E.wichtigsten Merkmale zusammengefasst und meine eigene Sicht dazu dargestellt. Auch wenn meine Meinung nur meine Anforderungen widerspiegelt, hilft diese kleine Darstellung vielleicht der/dem einen oder anderen bei der Entscheidungsfindung.

In der 12xx-Reihe hat Pfaff etliche unterschiedliche Modelle auf den Markt gebracht. Sie haben normalerweise einen starken Motor mit satten 80 Watt Leistung. Dies, verbunden mit der massiven Metallausführung, ist Grundlage für ein breites Einsatzspektrum. Feinster Chiffon läßt sich ebenso problemlos nähen wie schweres Segelleinen oder sogar 3 - 4 mm dickes Leder. Und dank IDT ist dann auch rutschiges Silnylon kein wirkliches Problem mehr.


In der Baureihe 12xx wurden Flachbett- und Freiarmmodelle angeboten. Flachbettmodelle verbaute man häufig in Nähschränkchen, die Freiarmmodelle wurden eher als Koffermaschinen genutzt.
DSC07095.JPG
(alle kleinen Fotos können mit Click! vergrößert werden!)


Freiarmmaschinen, die in Nähschränkchen verbaut sind, lassen sich leicht von diesen abschrauben und können dann als Koffermaschine (sofern man einen solchen hat) problemlos verwendet werden. Allerdings ist oft der original Anschiebetisch von Pfaff nicht mit dabei.

Im Gegensatz zu den Freiarmmodellen gibt es bei den Flachbettmodellen deutliche Unterschiede in der Bauausführung: Die Koffermaschinen haben eine Art Kasten als Boden, für den Einbau in Nähschränkchen bestimmte Flachbettmaschinen nur eine Bodenplatte mit unebener Abdeckung für die Mechanik. Einfach abschrauben und dann als Koffermaschine nutzen ist bei diesen Maschinen daher nicht so ohne weiteres möglich.

Meine Kaufentscheidung wäre:
Auf alle Fälle eine Freiarmnähmaschine! Man kann einfach mehr damit machen und sie mittels Anschiebetisch problemlos in eine Flachbettmaschine verwandeln. Eventuell Anschiebetisch nachkaufen.


Darüber hinaus gibt es "normale" Modelle und "kompakte"-Modelle. Wesentliche Unterschiede: Die Bodenplatte der "Normal-Modelle" ist größer, sie haben einen Koffer mit Tragegriff und in i.d.R. einen ansteckbaren Anschiebetisch aus Metall. Das Zubehör befindet sich im Koffer.
"Compact-Modelle" haben eine kleinere Bodenplatte (sind aber gefühlt nicht unbedingt leichter!), einen Tragegriff an der Maschine, eine feste Stülphaube und einen Anschiebetisch aus Kunststoff. Zubehör befindet sich in einer kleinen Schublade im Bodenbereich der Maschine.
DSC07004.JPGDSC07031.JPGDSC07028.JPG
Wichtig: Der vergleichsweise üppige Raum unter dem Näharm ist bei beiden Maschinenarten absolut gleich - auch wenn das auf dem Foto wegen der Perspektive nicht so aussieht! Auch sonst unterscheiden sie sich nicht in der Leistung, den Abmessungen und wesentlich in der technischen Ausstattung.

Meine Wahl wäre:
Ob "normal" oder "Compact" wäre mir wirklich egal. Die normale bietet im Koffer mehr Stauraum für Zubehör und die kompakte ist einfach wesentlich handlicher. Wenn Zustand und Preis stimmen - zugreifen! Egal welche!
Kein Kriterium wären für mich auch die zusätzlichen Features von 1214, 1222 oder 1222E (Electronic). Für MYOG-Projekte im Outdoorbereich oder um Drachen zu nähen, braucht man keine zusätzlichen Zierstiche und ob "E-Ausstattung" oder nicht - die 12er ohne "E" funktionieren auch hervorragend.


Zu den Freiarmmaschinen gehören normalerweise einfach zu montierendeAnschiebetische, um komfortabler größere Teile nähen zu können. Sie können als ansteckbare Metallplatte ausgeführt sein (z.B. bei 1212 oder 1222) oder als aufschiebbares Kunststoffkästchen (z.B. 1209). Dieses kann einfach umgedreht und dann zur Aufbewahrung des Anlassers und andere Dinge verwendet werden.
DSC07101.JPGDSC07100.JPGDSC07098.JPGDSC07105.JPG
Die Metallplatte der Normal-Maschinen passt auch an Compact-Maschinen (sofern die zwei Steckösen vorhanden sind). Der Plastiktisch der Compact-Maschinen passt wiederum auch an Normal-Maschinen.

Für normale Freiarmmaschinen gibt es zusätzliches Aufbewahrungskästchen aus Kunststoff zum Verstauen des Anlassers, des Metallanschiebetisches usw.. Als Anschiebetisch ist er jedoch nicht nutzbar.
DSC07110.JPGDSC07114.JPG
Für Flachbettmaschinen gibt es Verlängerungen des Sockelkastens (Flachbetts).

Mein Tipp:
Beim Kauf darauf achten, dass ein Anschiebetisch - egal welcher Bauart - dabei ist! Die Metallplatte hat jedoch mehr Grundfläche und ich empfinde sie als komfortabler.
Auch das zusätzliche Aufbewahrungskästchen ist für Freiarmmaschinen mit Koffer hilfreich. Bei Ebay werden hin und wieder diese Teile angeboten.


D a s Highlight schlechthin ist m.E. aber nach wie vor der in den meisten - aber eben nicht in allen! - Maschinen der 12xx-Reihe eingebaute Obertransport, kurz IDT genannt (Integrierter Dual Transport). Er ist fester Bestandteil der Mechanik, präzise auf die Maschine abgestimmt und sorgt für einen gleichmäßigeren und verschiebefreieren Durchzug des Stoffs unter dem Nähfüßchen. Er lässt sich einfach ab- oder zuschalten.
DSC07082.JPGDSC07078.JPGDSC07081.JPG
Die 12xx-Maschinen ohne IDT nähen durchaus sehr gut. Mit IDT funktionieren sie aber in manchen Situationen noch ein wenig besser. Drachenbauer mit ihren oft sehr rutschigen Stoffen schwören auf IDT!
Mir ist bekannt, dass Pfaff die 1209 oder die 1212 (z.B. zum Einbau in Nähschränkchen) ab Werk auch ohne IDT ausgeliefert hat. Auch diese Maschinen sind durchaus erstklassig - vor allem im Vergleich zu heutigen Maschinen. Eine gut erhaltene Pfaff ohne IDT würde ich vergleichbaren aktuellen Maschinen von Pfaff oder anderen Herstellern immer vorziehen - allerdings nicht einer guten,alten, grauen Pfaff 332, 360 oder 362.
Der nachträgliche Einbau von IDT ist möglich, macht aber keinen Sinn, da das nach Auskunft eines Nähmaschinenmechanikers rund 180 € kostet.

Meine Tipp:
Möglichst eine Maschine mit IDT erwerben.


Die "Stopmatic" bringt die Nadel in die höchste Position und entkuppelt gleichzeitig das Nähwerk. Einfach den Hebel zum Heben des Nähfußes ganz nach oben drücken und schon passiert es. Sofern die Maschine einen Einfädler hat, ist die Nadel gleich in der optimalen Position oder man kann Garn aufspulen. Zum Einkuppeln des Nähwerks dann einfach wieder den Nähfuß senken.
Ob die Maschine eine Stopmatic hat oder nicht erkennt man eigentlich nur am Handrad (Stopmatic - glatt, kein Innenrad). Stopmatic steht nach meiner bisherigen Kenntnis nirgendwo drauf. Also ggf. fragen. DSC07026.JPGDSC07023.JPG

Meine Einschätzung:
Die Stopmatic bietet ein wenig mehr Komfort. Wenn sie dran ist, kann man sich freuen. Ein Kaufkriterium wäre sie für mich nicht.


Einige Maschinen (z.B. 1215) bieten auch eine "Synchromatic". Was diese genau bewirkt, weiß ich leider noch nicht und bin daher für Hinweise dankbar.


Mit dem mechanischen Einfädler ist das Einfädeln des Nähgarns schnell und komfortabel erledigt. Nicht alle Maschinen haben ihn jedoch. Mir ist bekannt, dass Pfaff zumindest 1209- und 1212?-Modelle ab Werk auch ohne ausgeliefert hat. Auch hier ggf. nachfragen.

Meine Meinung:
Zwingend notwendig ist der Einfädler nicht. Aber das Gefummel mit einer Einfädelhilfe hat mich immer genervt und so wurde für mich der Einfädler zum ganz persönlichen Kriterium.


Ein Koffer oder eine feste Stülphaube schützen die Maschine bei Lagerung und Transport - sind aber nicht zwangsläufig in einem Verkaufsangebot enthalten. Zudem wird im Koffer auch Zubehör aufbewahrt. DSC07006.JPGDSC07007.JPG

Meine Meinung:
Die Maschine sollte möglichst einen Koffer oder eine feste Haube haben. Zuweilen bekommt man bei Ebay welche. Koffer passen nicht für Compact-Modelle, da u.a. zu groß und Stülphauben passen andererseits nicht auf die normalen Modelle, da zu klein!


Zu jeder Pfaff 12xx gehörte ab Werk immer Zubehör: i.d.R. div. Füßchen, Spulen, Schraubendreher, Pinselchen, Nähmaschinenöl und Nahttrenner. Je vollzähliger das Zubehör beim Kauf dabei ist, umso besser.
DSC07106.JPGDSC07119.JPG
Wirklich gebraucht habe ich bisher nur den Standardnähfuß, den RV-Nähfuss, reichlich Spulen und das Öl. Bei den Spulen ist es wichtig, dass die richtigen dabei sind. Ältere 12xx-Maschinen nutzen Metallspulen (werden beim Aufspulen von einem Magneten gehalten), jüngere Maschinen verwenden die aktuell gebräuchlichen aus klarem Kunststoff (werden beim Aufspulen von einem kleinen Stift gehalten).

Mein Rat:
Standard-, RV-Nähfuß und genügend (passende!) Spulen sollten beim Kauf schon dabei sein.


Meine ideale 12xx-Maschine:
- 1209 mit IDT und Fadeneinfädler - hat alles, was ich wirklich brauche
- Anlasser
- Anschiebetisch zugleich Aufbewahrungskasten für Anlasser etc.
- optional einsetzbarer Anschiebetisch aus Metall
- Stülphaube
und nachträglich montiert:
- Nähfüßchenhalter für aktuelle Nähfüße

Den Nähfüßchen- halter habe ich beim Nähzentrum-Braunschweig gekauft. Mit ihm kann ich aktuelle Nähfüße (z.B. von meiner 1071) einfach und schnell anklicken und so ohne Schraubgefummel komfortabel wechseln. Das ist das einzige, was man m.E. verändern sollte - aber nicht unbedingt muss.

Warum die 12xx-Maschinen heute noch so begehrt sind, merkt man schnell, wenn man z.B. mit einer aktuellen Pfaff Select näht. Tast- und Gehörsinn beantworten die Frage nach dem "Warum?" schnell und eindeutig.

Bei Ebay scheinen viele Käufer sehr auf die 1222 oder 1222E fixiert zu sein. Das führt bei Versteigerungen oft zu Mondscheinpreisen von deutlich über 300 €! Auch Händler bieten dort diese Maschinen zu derartigen Preisen an. Ich würde nicht soviel bezahlen. Die 1222 und 1222E werden in ihrem Nutzen für den Normalverwender im Outdoorbereich im Vergleich zu anderen 12xx-Modellen m.E. vollkommen überschätzt. Ich glaube, die zusätzlichen Möglichkeiten dieser Maschinen werden meist gar nicht benötigt.
Mein Maximalpreis für eine einwandfreie und komplette 12xx-Maschine mit IDT läge bei rund 200 €. Beim Händler vor Ort dürften es für eine frisch gewartete Maschine mit Garantie auch maximal 250 € sein. Für Maschinen ohne IDT jeweils um 50 € weniger. Ich konnte meine Nähmaschinenschätzchen aber immer deutlich günstiger bei Ebay ersteigern.
Diese Maschinen haben oft schon jahrelang unbenutzt irgendwo gestanden. Selbst wenn sie einwandfrei funktionieren hat man oft beim ersten Betrieb das Gefühl, dass sie recht zäh laufen. Dies liegt daran, dass selbst dauergeschmierte Lager (und die hat die 12xx-Baureihe) nach Jahren der Standzeit schwergängig werden können. Manchmal gibt sich das schon, wenn man die Maschine einige Minuten ohne Faden laufen läßt. Wenn nicht, heißt es obere und Seitenverkleidung (die am Handrad) abnehmen und alle erreichbaren Lager (am Motor erreicht man leider nur eins) mit wenig aber dafür bestem Nähmaschinenöl vorsichtig schmieren, laufen lassen, nochmal ölen und wieder laufen lassen. Die meisten meiner Maschinen liefen danach schön satt, wie geschmiert halt.
Wenn nicht, oder wenn sogar irgendwie ölige Dämpfe aufsteigen, sofort aufhören. Dann sollte der Nähmaschinenmechaniker übernehmen.

Meine 1212 ohne IDT habe ich inzwischen wieder verkauft, denn meine fast neuwertige 1209 ist die bessere Maschine. Meine Pfaff 1071 Tiptronic mit IDT behalte ich, denn sie ist auch ganz ausgezeichnet. Aber irgendwie mag ich meine 1209 noch einen Tick lieber.

Ein Rat zum Schluss: Eine Maschine, die man bei Ebay kauft oder ersteigert, sollte wirklich einwandfrei funktionieren. Reparaturen kosten richtig gut Geld und schnell verwandelt sich ein vermeintliches Schnäppchen zum €uronengrab!

Viel Spaß und Erfolg bei der Hatz auf eine gute Pfaff-12xx!


Bei outdoorseiten.net gibt es einen Thread mit Bezug auf diese Darstellung. Hilft vielleicht auch weiter.


.: :.

© Hartmut Henkel - erstellt: 03.12.2013