Warum reise ich? Keine Fotos, nur Gedanken!

Ehrlich gesagt, so richtig nachgedacht hatte ich darüber bisher nicht. Es scheint, ich folge wohl einfach nur irgend einem Instinkt, einer eigenartigen Sehnsucht, das Unbekannte mit meinen Sinnen wahrzunehmen. Es ist so ein diffuses Verlangen nach … – ja, nach was eigentlich?

Meine Reise-Vita

Nach meiner Erinnerung spürte ich schon als Kind Reiselust in mir. Ich verschlang geradezu Bücher aller Art, deren Geschichten mit dem Leben in anderen Weltgegenden zu tun hatten, mit anderen Landschaften, deren Besonderheiten und fremden Menschen. Vier Autoren sind mir da besonders im Gedächtnis geblieben, die heute nur noch wenigen bekannt sind: Heinz Helfgen, Herbert Rittlinger, Hammond Innes und Rudolf Pörtner.

Heinz Helfgen, ein arbeitsloser Zeitungsmann, machte sich einige Jahre nach dem zweiten großen Krieg wegen völliger Perspektivlosigkeit auf, mit dem Fahrrad um die Welt zu fahren. Das war damals schon nichts absolut Neues mehr, aber als gelernter Journalist verstand er es, fesselnde Berichte über die dabei erlebten Abenteuer und Begegnungen zu schreiben. Er finanzierte damit seine Tour und fand so auch Sponsoren.

Herbert Rittlinger war eine schillernde Figur. In den 30er Jahren bereiste er die Südsee als Trader und fuhr mit dem Faltboot den Amazonas hinab. Im Krieg arbeitete er als Abwehragent in Istanbul und danach war er auf vielen Flüssen der Welt mit dem Faltboot unterwegs.

Hammond Innes war kein Autor von Reisebüchern. Er schrieb klassische Abenteuerromane, die in allen Teilen der Welt spielen. Dabei schilderte er jedoch Menschen und Landschaften derart plastisch, dass das Kopfkino kaum Mühe hatte, dies in Bilder zu übersetzen.

Rudolf Pörtner hatte schließlich überhaupt nichts mit Reiseliteratur zu tun. Er schrieb populärwissenschaftliche Bücher, vor allem über die Römer. Als ich sein bekanntestes, „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“, in die Finger bekam, verschlang ich es in einer Nacht, klappte es morgens zu und ging zur Schule. Seitdem beherrscht mich der Wunsch, die heute noch sichtbaren Stätten dieser untergegangenen Kultur zu erleben.

Neben diesen vier gab es natürlich noch eine Reihe anderer, die aber nicht ganz so bleibende Eindrücke hinterließen.

Ich las also und meine Sehnsucht zu Reisen wuchs. Doch meine Eltern konnten sich damals keine Urlaube, schon gar nicht im Ausland, leisten. Nur einmal, erinnere ich mich, fuhren wir mit dem grauen Familienkäfer nach Holland. Zwei Bilder sind mir noch vor Augen: Die bunten Zuckerstreusel, die man sich auf das Brot streuen konnte und mein Vater auf der Mole von Den Helder. Er schaute nur auf das Meer hinaus und sagte tonlos: „Von hier sind wir immer mit unseren Minensuchern ausgelaufen.“ In der Nähe stehende Holländer schauten verständlicherweise wenig freundlich.

Nach der Schule hatte ich dann keine Mittel zum Reisen und später kam die Familie. In der zweiten Hälfte der 70er war ich dann endlich, wenn auch unter spartanischsten Bedingungen, unterwegs: Der Schwarzwald-Westweg und der Höhenweg des Bayerischen Waldes wurden erwandert und Mitteleuropa per Fahrrad durchstreift. Wenn ich heute darüber nachdenke, mit was für einer kümmerlichen Ausrüstung ich diese Reisen durchführte, kann ich mich nur über meinen Mut oder über meine grenzenlose Naivität wundern. Es hätte aber rein gar nichts schief gehen dürfen. Alles war hart auf Kante genäht.

Dann war es erst einmal wieder vorbei mit der Reiserei, denn es gab andere Prioritäten. Ich kam jedoch beruflich viel herum, lernte Deutschland recht gut kennen, war in Polen und Bulgarien für die EU engagiert und half bei einer Friedensmission der UN, in Kambodscha Frieden zu schaffen.

Die erste eigene Reise unternahm ich erst wieder 1999 und seitdem war ich immer wieder unterwegs. Damals ging es per Fahrrad durch Norwegen. Quer durch das Land bis Bergen, zurück entlang der Küste und durch Dänemark wieder nach Hause. Meine letzte große Tour führte mich 2018 wieder mit dem Fahrrad zweieinhalb Monate durch Frankreich.

2001 entdeckte ich das Faltboot für mich und folgte ein wenig Rittlingers Spuren. Donau, Elbe, Loire und viele andere Flüsse paddelt ich hinab. Es war eine grandiose Zeit, voll mit kleinen Abenteuern. Viele gute Freunde lernte ich da kennen.

So ab 2008 unternahm ich dann auch wieder größere Fußwanderungen, zu denen mich vor allem meine gute Freundin Claudia anregte und mit der ich dann oft unterwegs war. Irland, England und Lappland waren unsere Ziele. Doch meine mit Abstand wunderbarste Wanderung führte mich über zwei Monate solo auf der Via Francigena von Lausanne nach Rom.

Wenn ich all dies hier so zum ersten Mal aufzähle, bin ich fast selbst erstaunt, was ich alles gemacht habe. Die schmerzhaft empfundenen Defizite meiner jungen Jahre konnte ich zu einem Gutteil kompensieren. Doch die Frage, warum ich eigentlich reise, wird durch diese Reise-Vita noch nicht so recht beantwortet. Allenfalls gibt es schwache Hinweise.

Anfang 2020 dümpelte alles mehr oder weniger vor sich hin. Es gab eher halbherzige Pläne für eine mehrwöchige Genusstour mit Fahrrad und Zelt entlang der Ostseeküste McPoms.

Corona Blues

Doch dann kam der harte Aufschlag! Und zwar ein richtiger! Covid-19, kurz Corona, fiel über das Land her und nichts war mehr wie zuvor. Das kleine Ding zwang uns in die Knie und zeigte dem Land schonungslos seine Versäumnisse und Schlampereien der letzten Jahrzehnte auf. Zum Glück hatten wir wenigstens unsere Krankenhausinfrastruktur noch nicht gänzlich zugrunde gespart und „strukturiert“, wie es diese hochgelobte „Leopoldina“ zuvor in die Agenda der Regierenden geschrieben hatte. Die erste Welle überstanden wir auch dank flexibler föderaler Strukturen recht gut. Doch kaum war die erste Gefahr vorbei erfolgte prompt der Rückfall in mittelalterlich anmutende Kleinstaaterei und manche Landeschefs begannen, sich wie zänkische Kleinkinder in der Sandkiste zu gebärden.
Noch etwas Neues brachte Corona: Lockdowns! Zeiten mit mehr oder weniger umfänglicher Untätigkeit im ganzen Land. Unvorstellbar bis dahin.

Diese Zeit der Erstarrung schuf allerdings auch Raum zum Nachdenken. Wenn man schon nicht reisen kann, worum kreisen die Gedanken dann? Genau! Mir ging es dabei allerdings weniger um die Frage nach dem „wohin“, sondern mehr um die Frage nach dem künftigen „wie“.

Reisen 2.0

Mir war in den letzten Jahren zunehmend klar geworden, dass ich meine bisherige Art des Reisens aufgrund zunehmenden Alters nicht bis in alle Ewigkeit würde weiterführen können. Es musste sich etwas ändern, damit ich noch möglichst lange „on the road“ unterwegs sein kann. Weniger Zelt und Erschwernisse des Outdoolebens und etwas mehr Komfort mit zunehmend touristischer Ausprägung. Die wunderbar freie Zeit im Zelt neigt sich ihrem Ende entgegen. Doch einige Dinge aus dieser Zeit wollte ich mir unbedingt erhalten: Das große Maß an Mobilität und Flexibilität, keine sklavische Bindung an Buchungstermine, Abfahrtzeiten usw. und, wenn immer möglich, längere Reisedauern bis drei Monate.

Der springende Punkt bei dieser Art des Reisens ist für mich die Übernachtung Tag für Tag. Bisher hatte ich fast ausschließlich im Zelt geschlafen oder auf der Via Francigena in Pilgerunterkünften. Permanente Übernachtungen in Zimmern, gleich welcher Art, würden jedoch bei der Länge meiner Reisen das Budget sprengen. Und „Couch-Surfing“ oder „Warm Showers“ sind einfach nicht so mein Ding. Hinzu kommt dann auch noch die lästige, allabendliche Unterkunftsuche mit all ihren Unwägbarkeiten.

Die Situation schien gefühlt ausweglos. Doch die Lösung kam, wie so oft, per Zufall, so ganz nebenbei. Beim Stöbern in YouTube stieß ich auf jemanden namens Rene Kreher, der einen Hochdachkombi (HDK, war mir bis dahin auch noch kein Begriff) zum Mini-Camper ausgebaut hatte. Und zwar mit einem Konzept, das mir sofort einleuchtete und zusagte. Was mich daran so faszinierte waren die Möglichkeiten diese Konzeptes. Man ist in einem HDK relativ unauffällig unterwegs, fliegt damit quasi unter dem Radar. Mit vergleichsweise geringem finanziellen Aufwand ist man sehr mobil, kann darin Leben, Schlafen und Kochen. Bei längeren Standzeiten findet man unter einer Markise Platz und kann bei schönem Wetter auch draußen kochen. Darüber habe ich an anderer Stelle ausführlich berichtet.

Dank Corona hatte ich ja Zeit und Muße und ein anderes Auto war sowieso auch langsam fällig. Ich nutzte also die Gelegenheit, kaufte mir einen VW-Caddy und baute ihn aus. Mitte Oktober 2020 war ich damit weitgehend fertig. Doch dann schwappte die zweite Corona-Welle mit Macht über das Land. Im November erstarrten Deutschland und Europa im zweiten Lock-Down.

Nun hatte ich mir also die Reisemöglichkeit für die nächsten Jahre geschaffen und konnte sie nicht nutzen. Wieder blieb nur Träumen …

Und immer noch muss ich feststellen, mich irgendwie um die Beantwortung der Eingangsfrage herum gewunden zu haben, gelobe aber nun Besserung!

Darum reise ich!

Mein wesentlicher Antrieb fürs Reisen besteht darin, so glaube ich, Bilder oder Vorstellungen in meinem Kopf zu wahrgenommenen Realitäten werden zu lassen. Bilder, die zum Teil seit den ersten Schuljahren dort herum spuken. So hatte ich eine Lehrerin aus dem Harz. Sie schilderte uns Kindern ihre Heimat in so wundervollen Geschichten, dass der Brocken eines der Taumziele meiner Kindheit wurde. Nach dem Fall der Grenze war er dann auch der erste Ort in Ostdeutschland, den ich besuchte. Ein Kindheitstraum ging in Erfüllung.

Pörtner schilderte in seinen Büchern das Leben der Römer in Germanien. Eines der ersten Ziele meiner Reisen in den 70ern war dann auch die Römerstadt Augusta Raurica, heute Kaiseraugst, in der Nähe von Basel.
Bei meiner Wanderung 2015 auf der Via Francigena stand ich unerwartet auf der Via Cassia, einer Römerstraße wie aus dem Geschichtsbuch. Viele Kilometer waren noch in erstklassigem Zustand erhalten und wurden sogar heute noch ganz normal als Autostrasse! genutzt. Ich stand auf ihr, schloss die Augen und hörte den Marschtritt einer vorbeiziehenden Legion.
In Rom war ich überwältigt, wieviel noch von dieser antiken Metropole erhalten war.

Viele Bilder tauchen immer wieder vor meinen Augen auf. Vom Felsen in Gibraltar schaue ich hinüber nach Afrika, in Olympia stelle ich mir vor, wie die Athleten um den Sieg kämpfen und in Dalmatien sitze ich beim abendlichen Wein und schaue auf das inselgesprenkelte blaue Meer tief unter mir. Der Duft des Südens zieht durch meine Nase, der intensive Geschmack mir unbekannter Gerichte mit ihren ungewöhnlichen Gewürzen liegt auf meiner Zunge. Das Plätschern des Löwenbrunnens in der Alhambra schafft einen Hauch von Kühle in der Mittagshitze. Morgens, ganz früh, sehe ich in der Toscana sanft hügelige Zypresseninseln aus dem sich verlierenden Bodennebel auftauchen. Diese Bilder, diese Imaginationen sind es, die ich in meine Realität holen möchte. Darum ist Reisen wichtig für mich. Es dauerte lange, bis ich dies erkannte.

Es gibt aber auch noch einen anderen, sehr wesentlichen Grund. Die Art der Menschen und wie sie „ticken“ interessiert mich immer mehr. Nicht die in der Tourismusbranche, mit ihrer oberflächlichen, professionell glatt gebügelten, aber letztlich monetär motivierten Freundlichkeit, sondern die, die sozusagen unplugged sind. Über sie habe ich z.B. in Italien mehr über das Land und das Leben dort, aber auch mich und meine kleinen Vorurteile erfahren, als ich durch die Besichtigung noch so vieler Sehenswürdigkeiten je hätte erfahren können.

Ja, und dann, ich gebe es zu, reizt mich auch schlicht die Entdeckung des mir Unbekannten. Ich möchte immer wieder zu gern herausfinden, was es da hinter dem Horizont noch zu entdecken gibt, bin einfach aufgeregt neugierig. Das scheint in den Genen vieler Menschen verankert zu sein.

Es ist also diese Melange von Gründen, die mich zum Reisen antreibt. Das alles wirkt wie ein Programm, das zwar viele Irrungen und Wirrungen, aber letztlich nur ein Ziel kennt, den Weg und die Realität. Dagegen ist mir Widerstand kaum möglich. Wohl so, wie den Vögeln bei ihrem jährlichen Zug.

Doch nun stecken wir alle im Corona-Kerker, können nur hilflos mit den Flügeln flattern – und halt träumen …

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