Mein Weg zur mehr Leichtigkeit des Seins

UH—H—L—UL—SUL—XUL sind gängige Abkürzungen in der Ultraleicht-Gemeinde und bedeuten übersetzt: ultra-heavy … heavy … leicht … ultraleicht … super-ultraleicht … extrem-ultraleicht.
Dahinter stecken richtiggehende Philosophien bezüglich des besten Weges zu mehr Leichtigkeit und dafür erforderlicher „Skills“. Und manchmal gibts recht erbitterte Diskussionen bei den Outdoorern über die Sinnhaftig- und Richtigkeit der unterschiedlichen Standpunkte.

2010 Ultraheavy in Fjell – beim Betrachten spürt man geradezu die Last

Ich verfolge dies aufmerksam, habe aber festgestellt, dass meine eigenen Interessen gar nicht so genau festgelegt sind und auch keiner reinen Lehre folgen. Ich folge eher einer Tendenz: Unter Beachtung meiner spezifischen Bedürfnisse so leicht wie möglich unterwegs sein! Das bedeutet u.a., dass nicht ich mich an die Möglichkeiten meines Equipments anpasse sondern sich mein Equipment an meinen Möglichkeiten und Bedürfnissen orientiert.

2015 auf der Via Francigena – mindestens 10 kg leichter!

Wo würde ich mich heute einordnen? Ich denke, irgendwo zwischen L und UL. Nicht schlecht, denn wie viele andere hab auch ich mal bei UH angefangen, was absolut keine Schande ist.
Allein der Rucksack – ein ansonsten ausgezeichneter Lowe Alpin Cerro Torre – wog 3 kg, das Zelt – ein ebenso ausgezeichnetes Exped Orion Extreme – über 4 kg, Anorak über 1 kg usw., usw. Allein das Gewicht des gepackten Rucksacks betrug ohne Lebensmittel und Verbrauchsstoffe zuweilen 16 – 20 kg!
Das erschien mir irgendwann deutlich zuviel denn es hatte spürbar negativen Einfluss auf mein Outdoorerleben, das in der Anstrengung der Schlepperei oftmals verloren ging. Auch meinem Rücken und den Knien bekamen derartige Lasten nicht so gut.

Also suchte ich nach Lösungen und entdeckte die UL-Szene, insbesondere die Website Ultraleicht Trekking und deren Vorgänger. Die Informationen, Ideen und Diskussionen dort waren und sind zuweilen hochinteressant, immer wieder hilfreich und inspirierten mich beim Finden meines eigenen Weges schon sehr.
Im Laufe der Zeit erkannte ich, dass wirklich konsequentes UL, insbesondere auf langen Touren, nichts für mich ist. Die erforderliche strikte Planung und auch die Disziplin bei der Durchführung schienen mich, wenn auch auf andere Weise, genauso zu belasten, wie ein zu großes Gewicht. Langsam bekam ich heraus, was für mich das eigentlich Richtige ist:

  • Mit einer Ausstattung von sicherer Funktionalität,
  • und mit der erforderlichen Robustheit
  • so leicht wie möglich
  • und mit einem Mindestmaß an Komfort unterwegs sein.

Ich sorgte also Schritt für Schritt für eine leichtere Ausrüstung. Dabei ging ich grundsätzlich entsprechend der einschlägigen Empfehlungen vor: Zunächst die großen Brocken (Zelt, Rucksack, Schlafsack), dann von den schweren Teilen zu den immer leichteren. Das sorgt vor allem am Anfang für motivierend spürbare Erfolge.

Das erste Pack „PlünnenSack I„, ein Nachbau des damaligen aktuellen Laufbursche-Modells …

Mein erstes Projekt war ein leichter Trekking-Rucksack. Meine bisherigen waren gekauft, von durchaus guter Qualität, wogen aber von 3 kg bis zuletzt 1,6 kg.
Die Packs von Laufbursche (wegen Erkrankung derzeit leider down) fand ich toll, doch gab es sie damals nur als Prototypen und ich gehörte leider nicht zum erlauchten Kreis der Tester. So lernte ich notgedrungen Rucksack-Nähen. Ich habe bis heute sieben Trekking-Packs mit einem Gewicht von 360 bis 800g genäht und die Teile auf z.T. sehr langen Touren getestet. Erkenntnisse für mich: Ein Tragegestell brauche ich nicht, ebensowenig dick gepolsterte Gurte. Dabei habe ich 7 – 18! kg in meinen Packs getragen. Im Schnitt  allerdings so 8 bis 10 kg. Ach ja, auf

… und das letzte, das „Modul-Pack 1

geräumige Taschen für Kleinkram am Hüftgurt möchte ich auf langen Touren auch nicht mehr missen.

Dann ging es ans Zelt. Mein MSR Hubba Hubba HP wiegt mit Footprint, extra Sturmleinen und Häringen rund 2,3 kg. Deutlich zu schwer, wie ich fand. Also baute ich mir ein relativ geräumiges Lavvu mit komplett ca. 1,3 kg, das „HexHex“.

Das Lavvu „HexHex

Und vor einiger Zeit kam noch ein Tarptent MoTrail mit komplett 1,2 kg hinzu.
Bei den Zelten kam es mir auch darauf an, gut Platz im Zelt zu haben, denn eine zu starke Beengtheit mag ich nicht. „Schlafsärge“ sind nicht so mein Ding. Es gibt auch noch leichtere Zelte, bei denen ich jedoch teilweise Zweifel an der

Das „Tarp 4 Two“ nach Ray Jardine

hinreichenden Robustheit habe.

Ich habe auch ein Tarp und darunter schläft es sich toll. Doch wenn man Groundsheet und Bivy-Bag realistischerweise noch hinzu rechnet, relativiert sich der Gewichtsvorteil. Mein MoTrail oder HexHex sind mir da lieber.

Mein erster Schlafsack war ein Ajungilak mit Kunstfaserfüllung, fast 2,5 kg schwer und mit geradezu beängstigendem Packvolumen. Der zweite war ein ausgezeichneter Exped-Daunensack mit nur noch 1,3 kg und als letztes hab ich mir ein KuFa-Quilt mit nur noch 550 g genäht. Der reicht inzwischen bei den meisten meiner Unternehmungen.

Gut für Schlankheitskur – hier mein MYOG- Hygienebeutel.

Und so ging es weiter: Matte (1 kg > 0,55 kg – es gibt leichtere von ThermaRest, doch die All-Seasons ist sehr robust für ihr Gewicht), Kochausrüstung, Hygiene, Kleidung usw.
Wie man dabei vorgeht ist wohl sehr individuell. Ich habe z.B. alle meine kommerziellen Rucksäcke verkauft, nachdem ich feststellte, dass meine selbst genähten prima funktionieren. Ebenso einen Teil der Zelte. Bei Ersatzbeschaffungen fanden fortan immer meine Kriterien Anwendung.

Das Gewicht der Ausrüstung zu reduzieren ist ein Aspekt, aber ähnlich wichtig ist auch die immer währende Frage: Was brauche ich eigentlich wirklich auf Tour und wieviel davon? Sind die Sandalen erforderlich, brauche ich 8 Unterhosen, 100 g Zahnpasta, 2 Fleece … ???

Es ist erstaunlich, wie schnell sich viele Kleinigkeiten zu vielen Kilos summieren können. Da half nur ein systematisches Vorgehen und so habe ich mir mit Excel eine Packliste gebastelt, dort alle meine Ausstattungsteile thematisch geordnet eingetragen und gewogen.

Vor jeder Tour kopiere ich diese Packliste in ein neues Tabellenblatt und stelle ich mir dann darin meine Ausstattung zusammen. Vor dem Start gehe ich alles mehrfach kritisch durch und nach der Tour überprüfe die Liste noch einmal.

Meine Packliste für die Via Francigena mit Auswertungsanmerkungen

Im Laufe der Zeit hab ich so das für mich ideale Set-Up gefunden. Und da ich beim Packen immer alles abgehakte, habe ich auch nie etwas wichtiges vergessen.

Links als Beispiel die Packliste für Lausanne – Rom 2015 auf der Via Francigena. Die Liste steht auch als Excel-Datei zum  Download zur Verfügung.
Ab Vercelli habe ich nicht mehr gezeltet, so dass ich von ab dort mit nur noch rund 6 kg unterwegs sein konnte (Die Liste ist für eine allgemeine Anwendung um sehr persönliche medizinische Ausstattung bereinigt), vorher waren es rund 8 kg. Hinzu kamen immer noch Getränk und einige Lebensmittel.

Inzwischen versuche ich auch, möglichst viele Dinge mit Mehrfachnutzen zu verwenden. So z.B. mein Smartphone. Nicht nur zur Kommunikation, auch Reiseführer und Landkarten speichere ich darauf. Ich nutze es als Lampe, Dolmetscher usw., usw. … und kann damit diverse Dinge , also Platz und Gewicht einsparen.

Und dann noch: Was sind 3 g abgesägter Zahnbürstenstiel gegenüber 10 kg+ Übergewicht? Da habe ich z.B. noch echte Potentiale! Seufzzzz …

Inzwischen bin ich im Vergleich zu früher sehr viel leichter unterwegs, so um 50 – 70 %, und vermisse trotzdem unterwegs nichts. Es war ein längerer Prozess, denn schwer kann jeder – leicht muss man irgendwie lernen. Ich habe etliche Dinge probiert, viele wieder verworfen und irgendwann hatte ich weitgehend das, was für mich passte. Dieser Prozess dauert an und ständige Veränderungen sind normal. Sie sind nur nicht mehr so fundamental, wie zum Beginn. „Das darauf achten“, leicht unterwegs zu sein, ist mir inzwischen zur Gewohnheit geworden.

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